Es ist Ende Februar. In einem Monat endet mein Leistungszeitraum, und seit Monaten höre ich die Stimme meines Beraters in meinem Kopf:
Stellen Sie bloß keinen Weiterbewilligungsantrag.
Ein echtes Warum bekam ich nie. Trotzdem blieb diese Warnung. Und mit ihr die Angst.
Die Angst, in einen Job gedrängt zu werden, der nichts mit mir zu tun hat. Nichts mit meinen Fähigkeiten. Nichts mit dem Unternehmen, das ich gerade aufbaue.
Also arbeitete ich.
Monatelang.
Mit dem Wissen, dass es fast utopisch ist, in sechs Monaten so viel Gewinn zu machen, dass ich komplett aus dem Bürgergeld komme – und vielleicht sogar etwas zurückzahlen kann.
Doch dann drehte sich im Februar etwas.
Plötzlich kamen Aufträge. Projekte. Bewegung.
Umgerechnet auf die sechs Monate konnte ich meine Gewinne verdreifachen. Diese Entwicklung gab mir Hoffnung, denn sie zeigte mir: Es geht. Langsam, aber es geht.
Für den Ausstieg reicht es noch nicht. Trotzdem hatte ich nun bessere Zahlen, bessere Argumente und mehr Selbstvertrauen. Also bereitete ich mich auf das Gespräch vor. Ich sortierte meine Zahlen. Ich übte meine Sätze. Ich ging mögliche Fragen durch.
Zwei Minuten vor dem Termin bekam ich eine Nachricht.
Ein Freund antwortete auf meine Geburtstagsnachricht. Wir hatten länger keinen Kontakt. Seine Worte waren kurz, aber sie trafen wie ein Schlag:
Leukämie.
Meine Welt stand still.
Eine Minute bis zum Termin.
Ich wusste nicht, was ich schreiben sollte. Ich antwortete schnell, sah die drei Punkte im Chat. Er schrieb. Der Termin begann. Zwei Minuten nach der vereinbarten Zeit entschied ich mich, anzurufen.
Ich sagte meine geübten Sätze. Ruhig. Strukturiert. Sachlich.
Und dann passierte etwas Unerwartetes:
Mein Berater klang positiv. Er sagte, es sei völlig in Ordnung, den Weiterbewilligungsantrag als Selbstständige zu stellen. Nächste Woche würden wir die Zahlen gemeinsam durchgehen.
Ich war erleichtert. Aber ich konnte mich nicht freuen.
Ich ging zurück in den Chat.
Recherchierte zu Leukämie. Stellte Fragen. Versuchte zu verstehen, was jetzt bei ihm passiert. Er kam gerade aus der Klinik. Es war sein Geburtstag. Besuch stand vor der Tür.
Und während ich las, wurde mir etwas klar.
Er ist selbstständig. Er hat gut verdient. Er hat hohe Krankenkassenbeiträge gezahlt. Und jetzt wird er sie brauchen. Fast so, als hätte er immer gewusst, dass dieser Tag kommen könnte.
Und ich?
Ich lebe gerade vom Bürgergeld.
Ich diskutiere über Anträge, Fristen und Prognosen.
Plötzlich erschien mir alles klein.
Nicht unwichtig – aber relativ.
Ich lebe.
Ich bin gesund.
Und ich baue mir mit staatlicher Unterstützung etwas Eigenes auf.
In diesem Moment verschob sich meine Perspektive.
Nicht der Antrag ist entscheidend. Nicht die sechs Monate. Nicht die Angst vor irgendeinem Sachbearbeiter.
Entscheidend ist Zeit.
Und ich habe keine mehr zu verlieren.
Ich werde den Weiterbewilligungsantrag stellen.
Nicht aus Angst. Sondern aus Verantwortung.
Weil ich diese Phase nutzen darf.
Weil ich die Chance habe.
Und weil ich gesund bin.
Ab jetzt werde ich meine Träume nicht mehr verschieben.
Ich werde sie angehen, auch wenn sie groß wirken.
Denn es ist meine Pflicht, sie zu leben – gerade weil ich es kann.
Keine Zeit mehr für Angst.
Nur noch für das, was wirklich zählt.

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